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Höfflichkeit in XXL - Kulturschock in China

Von Anika Sophia Hasel, Schönbuch-Gymnasium, Holzgerlingen bei www.faz.net
19. August 2008 „Chinesen haben schwarze Haare, sind kleiner als wir Europäer, sind sehr gastfreundlich und haben sehr seltsame Gewohnheiten. Ich hatte ein klares Bild von China und speziell seinen Einwohnern vor Augen.“ Als Frank Keller mit seiner Frau und seiner dreijährigen Tochter die Koffer packte, um ein Jobangebot in China wahrzunehmen, war ihm bewusst, dass mit Europa und China zwei Welten aufeinanderprallen würden.

Dies bestätigte sich schon bei der ersten Einladung zum Abendessen bei chinesischen Freunden. „Es herrschte eine gemütliche und freundliche Atmosphäre“, sagt der große blonde Schweizer. „Doch das Problem war das grüne Zeug auf meinem Teller: Es gab Spinat, den ich um mein Leben nicht ausstehen kann.“ Der einfache Satz: „Danke, aber ich mag keinen Spinat“, hätte gewiss bei den Gastgebern Argwohn ausgelöst, denn in China - Frank Keller war darauf hingewiesen worden - gelten strenge Höflichkeitsregeln. Also tat der Maschinenbauingenieur seinem Gaumen Gewalt an.

Aus dem Dorf in die Millionenstadt

Später lernte er das Verbot der direkten Verneinung kennen. Eine mögliche Lösung für ihn, dem Problem mit dem Spinat auszuweichen, wäre folgender Satz gewesen: „Danke, aber ich bin hochgradig allergisch gegen Spinat und darf ihn aus diesem Grund nicht essen, es tut mir wirklich sehr leid, dass ich dieses herrliche Gericht nicht essen kann.“ Diesen Satz stattet man noch mit viel Dramatik und viel Bedauern aus, und das Problem ist gelöst. Zum Thema

Allerdings muss man, wenn man etwas ablehnen möchte, um keine bösen Blicke zu ernten oder als unhöflich abgestempelt zu werden, des Öfteren dieses Verneinungsverbot umgehen. Die kleine Familie hat den Umzug von einem Dorf in der Nähe von Zürich - in dem mehr Tiere als Menschen leben - nach Hangzhou gewagt, einer großen, 200 Kilometer südwestlich von Schanghai gelegenen Stadt mit fast sieben Millionen Einwohnern. Nun logiert die Familie in einer eingezäunten Wohnanlage für Bosch-Mitarbeiter. Sie hat die Kunst des Verneinungsverbotsumgehens inzwischen perfekt erlernt und lässt sich auch nicht mehr aus der Bahn werfen, wenn chinesische Kollegen ihren Garten in den höchsten Tönen loben, obwohl er gerade umgegraben wurde und eher einem Acker gleicht als einem bezaubernden Blumenidylle.

Plastik- oder Holzzaun, das ist hier die Frage

Da Frank Keller einer der Konstruktionsleiter für Neuentwicklungen im Maschinen- und Werkzeugbau ist und aus diesem Grund die Landessprache gut beherrschen muss, kann er sich inzwischen ohne einen Dolmetscher mit Chinesen unterhalten und berichtet: „Als ich um unseren gerade fertig gewordenen Garten einen Holzzaun bauen lassen wollte, konnte ich die Firma direkt anrufen und mit den Mitarbeitern ohne Schwierigkeiten reden.“ Wie es in China durchaus üblich ist, vergingen keine sechzig Minuten, und die Handwerker standen vor der Tür. Sie fingen auch gleich an, ihre Werkzeuge, Utensilien und einen Fertigplastikzaun, den man beliebig erweitern oder verkürzen kann, auszupacken.

Als Frank Keller die Handwerker dann aber darauf ansprach, dass er im Geschäft einen Holzzaun bestellt habe und keinen Plastikzaun haben wolle, antwortete der 30 Jahre alte muskulöse Handwerker nach einer kurzen Überlegungspause mit ernstem Gesichtsausdruck: „Es tut mir wirklich sehr leid, aber wir können nichts machen. China hat gerade ein großes Problem mit Holzlieferungen, die Wälder sind so gut wie abgerodet, und keiner kommt mehr an Holz heran. Im Übrigen ist ein Plastikzaun viel praktischer und auch umweltfreundlicher, da er ja viel länger hält als ein Holzzaun, und es müssen nicht einmal Bäume gefällt werden.“

Euphorische Komplimente sind ganz normal

Dies sagte er mit so einer Ernsthaftigkeit und mit solch einer Überzeugung, dass der Familienvater, der immer für ein Späßchen zu haben ist, nicht mehr aus dem Staunen herauskam und den Drang, laut loszulachen, unterdrücken musste. „Denn der Witz an dem Ganzen war, dass wir erst eine Woche zuvor bei einer nahe gelegenen Holzfabrik angeblich nicht vorhandenes Holz für ein Spielhaus unserer Tochter gekauft hatten und keine Anzeichen einer Holzknappheit festgestellt haben“, sagt seine Frau, die 35 Jahre alte Beate Keller, eine Lebensmittelchemikerin, die zurzeit aber Hausfrau ist.

Natürlich hört man auch in Deutschland von Fremden lieber Lob als Kritik über seine Arbeit, auch wenn sie nicht ganz hervorragend ausgefallen ist. In China wird dieses Verhalten jedoch übertroffen, wie Beate Keller erfahren hat. Sie war mit ihrer Tochter Nina bei einem Kindergartenfest und musste dort wie alle Mütter für ihr Kind auf eine kleine Tasche den Namen ihrer Tochter sticken. Als die junge Frau, die sich mit ihrem blonden Haar deutlich von den anderen abhebt, gerade den ersten Nadelstich gesetzt hatte, rief bereits eine andere Mutter begeistert: „Oh, wie schön Sie das doch machen!“ - „Da ich nun schon seit drei Jahren in China wohnte, war diese Euphorie keine große Überraschung mehr für mich, und ich dankte höflich für das Kompliment“, berichtet die Schweizerin.

Lächeln bis der Arzt kommt

Diese dickschichtige Höflichkeit kann bei Fremden leicht zu Missverständnissen führen. Als „Westler“ kann man häufig mit diesen für manch einen schon fast unsinnigen Äußerungen nichts anfangen. Manch einer kann zur Einschätzung gelangen, dass das Gegenüber die Absicht habe, sich über einen lustig zu machen, und reagiert dann eher unhöflich. Dies wiederum kann bei einigen Asiaten auf Unverständnis stoßen, da es als eine Selbstverständlichkeit angesehen wird, auf diese Weise zu loben.

Was sollte man also beachten, wenn man in China den Ruf eines höflichen Mitmenschen erlangen will? Schmunzelnd rät der Schweizer: „Der Trick ist, immer zu lächeln, im positiven Sinne zu übertreiben, bis der Arzt kommt, lieber die Wahrheit zu verschweigen, Delikates in kleinere Notlügen zu packen, und, was am Wichtigsten ist, nicht alles so ernst zu nehmen.“

19.08.2008. 09:53

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