[China-Kalender]    ::  Home » Inside » Sieben Fragen an Chinesen


Sieben Fragen an Chinesen

Könnt Ihr Euch vorstellen, im Ausland zu arbeiten oder seht Ihr Eure Zukunft in China?

Ich bin gerade mit meinem Bachelor fertig geworden und werde bald nach New York gehen, dort weiterstudieren und auch meinem PhD machen. Ich will anschließend auch einige Zeit im Ausland arbeiten. Damit wird es später leichter, in China einen Job zu finden. Am häufigsten gehen Naturwissenschaftler wie ich ins Ausland, weil bei uns die Technologie noch nicht so gut ist. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis diese Lücke geschlossen ist.
Yu Jiang Lei, 20, studiert Physik in Peking

Seid Ihr wirklich so fleißig?

Wir sind jung, wir müssen doch arbeiten! In der Woche fange ich meist um acht Uhr an, für die Uni zu lernen. Meistens sitze ich bis nach Mitternacht am Schreibtisch. Ich will mein Studium allerdings auch in drei, statt in vier Jahren schaffen. Andere lernen vielleicht ein bisschen weniger, das muss jeder selbst wissen. Aber ich kann nicht verstehen, wie manche Studenten den halben Tag mit Computerspielen zubringen können, anstatt an sich selbst zu arbeiten und besser zu werden.
Zang Yi Chao, 21, studiert Französisch in Peking

Wird China in Zukunft demokratischer?

Vielleicht. Das Interesse ist immer noch da, aber für viele hier ist im Moment das Wirtschaftswachstum wichtiger. Die Menschen sind auch etwas zufriedener als zum Beispiel in den achtziger Jahren. Den meisten geht es heute besser als damals. Trotzdem gibt es Dinge, die sich ändern müssen: Das chinesische Regierungssystem ist kompliziert, bürokratisch und ineffizient – und vor allem kontrolliert keiner, was die Regierung tut. Sie ist niemandem Rechenschaft schuldig. Zwar haben wir so etwas wie ein Parlament in China. Aber die Vertreter, die dort sitzen, müssen sich nicht vor den Bürgern verantworten, sondern immer nur vor den höheren Parteikadern. Das alles ist falsch.
Ich glaube nicht, dass China jetzt schon bereit wäre für eine Demokratie. Dafür reicht das Bildungsniveau bei uns noch nicht aus. Ich glaube auch nicht, dass China jemals eine Demokratie wie zum Beispiel die USA sein wird. Wir müssen unseren eigenen Weg finden.
Ein Student aus Peking, der anonym bleiben möchte

Oft kopieren chinesische Firmen einfach Technik aus dem Westen oder klauen Ideen. Findet Ihr das richtig?

Es ist nicht richtig – aber es ist auch nicht völlig falsch. Es gibt noch wenige Firmen in China, die selbst Hightech entwickeln, so wie Lenovo, die Computerfirma. Im Moment fehlt in China noch die Kreativität und das Wissen dafür. Wir müssen uns also Technologie aus dem Ausland holen, um davon zu lernen. Japan und Korea haben es vor einigen Jahrzehnten ähnlich gemacht. Die Firmen dort haben Produkte erstmal einfach kopiert. Nach einigen Jahren konnten sie sie weiterentwickeln und deutlich verbessern. Ich glaube, so wird es in auch China sein.
Jiang Wen Chuan, 21, studiert Wirtschaftswissenschaft in Peking

Was gibt es bei Euch in der Mensa?

Alles! In den verschiedenen Regionen in China wird sehr unterschiedlich gekocht. Im Norden vor allem Nudeln, im Süden vor allem Reis, sehr scharf in der Sichuan-Provinz. Wir haben mehr als ein Dutzend Mensen auf dem Campus und es gibt auch Cafés mit einigen westlichen Gerichten. Manche Unis haben sogar Fast-Food-Restaurants auf dem Campus.
Guo Jin Can, 21, studiert Französisch in Peking

Wie wohnt Ihr: auf dem Campus, in WGs oder bei Euren Eltern?

Wir wohnen in Studentenwohnheimen, immer zu viert auf einem Zimmer. Die Zimmer sehen meist sehr ähnlich aus: vier Betten, vier Tische, vier Schränke, mehr nicht. Es gibt keine Klimaanlage, dabei wird es im Sommer bei uns wirklich sehr heiß. Ältere Studenten, die schon ihren Master machen, dürfen immerhin zu zweit in einem Wohnheimzimmer wohnen. Wenn wir nicht wollen, müssen wir unseren Campus nie verlassen: Es gibt hier alles, vom Sportplatz bis zum Supermarkt.
Yu Yang, 20, studiert Wirtschaftswissenschaft in Peking

Habt Ihr die Möglichkeit, die Zensur im Internet zu umgehen?

Es ist nicht besonders schwer, die Internetzensur zu umgehen. Ich weiß auch von anderen Kommilitonen, dass sie es manchmal machen. Man braucht bloß einen Server im Ausland, über den man sich die entsprechenden Seiten anschaut. Wikipedia war im vergangen Jahr lange gesperrt, ich benutze die Seite aber sehr oft, auch für meine Arbeiten an der Uni. Wenn aber zum Beispiel YouTube gesperrt ist, merken viele das gar nicht. Für Videos nutzen wir nämlich die chinesischen Seiten, etwa Youku.com.
Wenn man sich nur auf chinesische Medien verlässt oder auf das, was wir in der Schule lernen, ist es schwierig, sich ein eigenes Bild davon zu machen, was in China vor sich geht. In unserem Geschichtsbuch gab es zum Beispiel nur zwei Absätze zu den Demonstrationen auf dem Tiananmenplatz 1989 und zu den Toten, die es dabei gab. Dort stand, dass die Demonstrationen aus dem Ausland gesteuert waren. Ein anderes Beispiel ist die Kulturrevolution. Wir wissen, dass damals irgendetwas Schlimmes passiert ist, aber nicht genau was.
Ausländische Medien sind freier, unabhängiger und zuverlässiger. Allerdings sind sie oft auch voreingenommen, wenn es um China geht. Das zeigte sich zum Beispiel im vergangen Jahr, als vor den Olympischen Spielen sehr viel über Tibet berichtet wurde.
Ein Student aus Peking, der anonym bleiben möchte

Quelle: http://www.zeit.de/online/2009/34/bg-chinesische-studenten

07.10.2009. 15:44

Diesen Artikel bookmarken bei »                    

Dieser Artikel wurde noch nicht kommentiert.

Schreiben Sie ein Kommentar? bitte Login
 © 2010 Tuple C Innovative Services GmbH