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Der Mythos von der CyberSprache

Peter Schlobinski

Die Entwicklung des Internet war und ist rasant: Waren 1987 weltweit rund 28000 Computer ange­schlossen, gibt es zu Beginn des neuen Jahrtausends über 300 Millionen In­ternetan­schlüsse. Das Internet aber ist mehr als ein Netz von Computern, in dem Da­tenpakete rund um den Globus flitzen: Es ist ein neues Informati­ons- und Kommunikationsmedium, das in den letzten Jahren die modernen Industrie­gesellschaften verändert hat und weiterhin ra­dikal verändern wird. Mediale Revolutionen bedeuten auch immer Veränderungen in Kommunikationsgemeinschaften, sei es auf lokaler oder globaler Ebene. Wen wundert es da, daß auch über die Auswirkungen der digitalen Revolution auf Sprachgemeinschaften viel spekuliert wird: Die Haltungen gegenüber den neuen Entwick­lungen im Hinblick auf Sprachvariation und Sprachwandel sind sehr unterschiedlich und zwischen blinder Fort­schritts­gläubigkeit und Kulturpessimismus zu lokalisieren. Allerdings: In Deutschland sind Positionen en vogue, die einen Sprachverfall beklagen.

Internetsprache, Netzsprache, Online-Sprache, CyberSlang - dies sind die Chiffren für eine Sprache, die für Neueinsteiger “oftmals nicht mehr als ein unverständliches Kauderwelsch [ist], bestehend aus vermeintlich unzusammenhängenden Zeichenketten oder Buchstabenkürzeln.” (Peter Filinski, Chatten in der Cyberworld, 1998). Und in seinem Bericht an den Club of Rome ,Im Netz - die hypnotisierte Gesellschaft‘ schreibt Juan Luis Cebrián 1999: Die Netzsprache ist ein “Pidginenglish, improvisiert und regellos, dem Einfluß hunderttausender Jugendlicher ausgesetzt, die im Sprachunterricht schlechte Noten erhalten haben, überrannt von prosodischen, syntaktischen und grammatischen Horden.” Brauchen wir also Experten, die Jugendliche auf Vordermann bringen, damit ihre Eltern sie verstehen, oder gar Dolmetscher, die das Kauderwelsch in ,Normaldeutsch‘ übersetzen? Keineswegs. Notwendig ist vielmehr eine rational geführte Diskussion auf der Folie sprachwissenschaftlicher Untersuchungen und eine Entmythologisierung bestehender Vorurteile.

Der Mythos von der Netzsprache. Im Internet gibt es keine einheitliche, homogene Sprache, sondern verschiedene Kommunikationsformen und sprachliche Varianten. Die Kommunikationsformen sind primär interaktiv und multidirektional. Die E-Mail-Kommunikation ist der elektronisch beschleunigte Briefverkehr, in der Verabredungen getroffen, Informationen subskribiert und Geschäfte getätigt werden, mittels derer Werbung verschickt wird als Text wie auch in Bildern und Tönen. In Diskussionsgruppen, sog . Newsgroups, wird wissenschaftlich konferiert, über Gott und die Welt diskutiert, zu jedem denkbaren Thema gibt es Diskussionsforen, an denen man partizipieren kann. Die Chatkommunikation ist ein komplexer Kommunikationsraum, der aus zahlreichen Channels besteht, in denen sich Menschen treffen, um zu plaudern, neue Leute kennenzulernen, Informationen auszutauschen, zu spielen oder zu flirten. Neben diesen direkten Kommunikationsformen findet eine indirekte Kommunikation zwischen Internet-Usern statt, die als direkte Mensch-Maschine-Kommunikation erscheint. Hierunter sind jene Kommunikationen zu verstehen, in denen ein Teilnehmer eine Datenbank abruft, wenn er beispielweise Bücher kauft, Online-Zeitungen liest, eine Homepage besucht, in Bibliotheken recherchiert.

In all diesen Kommunikationsformen finden sich unzählige sprachliche Varianten, vom klassischen Brieftext bis zum Telegrammstil, von der moderierten Diskussion bis hin zum elliptischen Smalltalk, von der Tageszeitung im Netz mit ihrem Sprachstil (siehe www.faz.de) bis zum E-Zine im Fanzine-Stil, in Kombination mit Bildern, Buttons und Bannern, Tondateien und Videosequenzen. Im Cyberspace finden wir eine ebensolche sprachliche Variation wie in der ,realen‘ Welt, und dies ist nicht verwunderlich, denn es sind immer Menschen, die Kommunikationsangebote machen und wahrnehmen. Von daher macht es wenig Sinn, von einer oder der Internetsprache zu reden, vielmehr sind die sprachlichen Verhältnisse im Medium Internet vielschichtig und abhängig von den technischen Voraus- und Umsetzungen einerseits und den Sprechern/Schreibern und ihren Intentionen und sprachlichen Herkünften andererseits. Der Mythos vom unverständlichen Kauderwelsch. Wer eine Web-Site besucht, hat meist keine Schwierigkeiten, diese zu lesen. Kein Wunder, denn eine Grundregel im Web-Design lautet: Schreibe verständlich und klar. Wer eine E-Mail schickt, will in der Regel seinem Kommunikationspartner eine verständliche Nachricht zukommen lassen, und Untersuchungen zeigen, daß die Sprache in E-Mails konventionell ist, wenn auch die Toleranz gegenüber Rechtschreibfehlern größer zu sein scheint und der Schreibstil lockerer ist als im klassischen Briefverkehr. Woher kommt also die Vorstellung eines unverständlichen Kauderwelsch im Internet? Die Antwort lautet: durch die Chatkommunikation, speziell im Internet Relay Chat (siehe Beispiel). Was auf den ersten Blick chaotisch erscheint, folgt

/H007/ oops ... nich ma schreiben geht bei der hitze

/Uroberus/ is die tastatur geschmolzn LOL

/H007/ noe .. bin nur unkonzentriert

/Smuline/ H007, huhu?

/H007/ Smuline: was is schatzi ? :)

/MistaJack/ hats schööööööööööööööööön kühl hier :)

/Angel/ hi

/SirFoeli/ MistaJack : wahhhhhhhh *dichbeneid*

/Smuline/ angel rehi

jedoch klaren Regeln. Es wird klein geschrieben, um Zeit bei der Texteingabe zu sparen. Da es sich um eine schriftsprachliche Konversation handelt, finden sich Elemente der gesprochenen Sprache wie die Begrüßungspartikel hi, elliptische Konstruktionen und is anstelle von ist sowie Assimilationen (hats). Um das Gespräch zu koordinieren, wird der Adressat zu Beginn des Gesprächsbeitrages genannt, der Sprecher bzw. dessen Pseudonym erscheint automatisch auf dem Bildschirm in spitzen Klammern (). Es finden sich graphostilistische Mittel wie der Smiley [Prototyp :-)], um Expressionen auszudrücken, ferner Abkürzungen wie LOL (laughing out loud), das neben g (grin) bei weitem meist genutzte Akronym. Bei Ausdrücken wie dichbeneid, die in Sternchen eingeschlossen sind, handelt es sich um chatspezifische Erweiterungen von ,sound words‘ aus der Comicsprache (schnief), wie sie bereits in den ersten deutschen Mickey-Maus-Heften 1951 zu beobachten sind. Das re (engl. ,zur Sache‘) in rehi ist eine echte internetspezifische Innovation, und leitet sich von der Reply(Antwort)-Funktion in der E-Mail-Kommunikation ab. Fazit: Die Analyse von Kommunikationsformen im Internet zeigt, daß es eine Viel­zahl von sprachlichen Variationen zwischen und innerhalb der ein­zelnen Kommunikationspraxen gibt. Das Internet konstituiert einen kom­plexen sprachli­chen Raum, der durch zahlreiche Parameter wie Medium, Herkunft der User, Software, Schriftsprache versus gesprochene Sprache usw. gekennzeichnet ist. In Abhängigkeit von der Konstellation der einzelnen Parameter bilden sich einzelne funktionale Mediengattungen und Stile aus. Dabei zeigt sich, daß sprachliche Elemente und Versatz­stücke aus diversen Diskurswelten zu einem spezifi­schen Stilmix zusammen­gebastelt werden, so daß weder von ,der Internetsprache‘ noch von einer ,Sondersprache im Internet‘ oder gar einem Sprachverfall aus­gegangen werden kann. Im Gegenteil: Man sollte gelassen die sprachlichen Variationen betrachten, denn repräsentative Untersuchungen zeigen, daß es gerade die gut Ausgebildeten und sprachlich Kompetenten sind, die sich intensiv im Netz tummeln.

(18.9.2000 / leicht modifiziert in der FAZ vom 12.10.2000)

26.11.2007. 12:19

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