Guxt Du oda was?
Von FOCUS-Redakteur Christian Witt bei www.focus.de
Was läuft denn da im Wohnzimmer? Interessiert die Deutschen denn Krimi und Komik tatsächlich mehr als die Spiele in Peking? Vielleicht ist es auch ein ethisch-(sport-)politisches Votum.
Meine lieben Sportfreunde, was ist denn mit Euch los? Habe gerade die aktuellen TV-Einschaltquoten studiert. Und was soll ich Euch sagen? – „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, „CSI: NY“, „Das Netz“, „Criminal Intent“, und so weiter und so fort – also, all dieser zum Teil doch sehr seifenoprige oder abgestandene, schon oftmals wiederholte Kram hatte doch tatsächlich mehr Zuschauer am Guckekasten als sämtliche Oly-Sendungen des Tages. Abgeschlagen auf Platz 14 landet das ZDF seinen besten Wert. Ganze 3,61 Millionen schauten bei der Topsendung um 13 Uhr zu, bei „Olympia kompakt“. Das Fatale daran, schlappe 0,99 Millionen waren von 14 bis 49 Jahre alt, also in der ach so wichtigen – wie heißt‘s so schön? – Zielgruppe, der Bring-mir-TV-Werbekunden-und-Bargeld-in-die-(GEZ-)Kasse-Gruppe.
Was das zu bedeuten hat? Wirtschaftlich schwer zu beurteilen. Ganz unökonomisch kann ich nun aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon mal feststellen: Olympia ist nicht Fußball. Ich will Sie ja nicht quälen, liebe öffentlich-rechtliche Intendanten, aber waren das nicht güldene Zeiten im Euro-Märchensommer? Wie sich in schöner Regelmäßigkeit fast 30 Millionen Deutsche vor den Plasma- oder LCD-Wänden versammelten, um mit Jogis wackeren Mannen mitzufiebern. Und selbst die anderen Gruppenspiele ohne DFB-Beteiligung fanden oft ein zweistelliges Millionen-TV-Publikum. Ach ja, das ist schon einen tiefen, lustvollen Seufzer wert...
Wer bockt denn da?
Zurück in die harte Olympia-Realität: Was also kann es bedeuten, dass der Michel und die Micheline verweigern, bocken wie ein störrischer Gaul vorm Hindernis? Hallo, wir haben schließlich schon Gold in zweistelliger Zahl. Silber, Bronze nicht zu knapp dazu. An der sicherlich lästigen Sechs-Stunden-Zeitverschiebung zu Peking kann es ja wohl auch nicht liegen, dass die Quoten so abschmieren. Also was dann, um Himmels willen, was hält euch fern vom Oly-Sehen?
Habt Ihr etwa ein Problem mit der Weltrekordflut im Schwimmbassin? Klar hat Michael Phelps acht Mal Gold geholt und (wie viele andere auch) alle möglichen globalen Bestzeiten pulverisiert. Aber muss er deshalb gleich als schwimmende Apotheke geziehen werden? Haben Sie deshalb schon die Grundsätze der Rechtssprechung vergessen, die Unschuldsvermutung? Ich jedenfalls glaube an die Sauberkeit, bis bewiesen ist, dass da tatsächlich einer drei Dutzend Dopingmittel auf einmal verschluckt, gespritzt oder in die Haut gerieben hat.
Was, Sie halten es auch für unmöglich, ohne verbotenes Multimuskelmastprogramm mit offenem Schuhband die 100 Meter in 9,69 Sekunden zu joggen? Okay, ist nicht ganz einfach. Aber mal im Ernst, dass jetzt so viele Sprintmedaillistas von der Insel Jamaika kommen, kann doch auch an was ganz Anderem liegen als an Wachstumshormonen, Anabolika, Epo, Gen-Doping oder IGF? „Mein Sohn Usain verdankt seine Sprintfähigkeit der Stärke der Trelawny-Kartoffel, die im Nordwesten Jamaikas wächst“, sagt – so oder ähnlich – der Vater von Gold-Bolt. Und der heißt mit Vornamen nicht Witz sondern Wellesley. Und merken Sie sich mal: Wir sind hier nicht bei der Tour de France – auch wenn Sie mit Ihren TV-Quoten hart daran arbeiten, dass es für ARD und ZDF im Ergebnis bald ähnlich aussieht.
Kommen Sie nicht mit Repressalien
Denken Sie immer dran, dass Sie Ihren Gebührenanteil sozusagen „abgucken“ müssen – die Öffis haben schließlich für die TV-Rechte an den Spielen einen riesigen Millionenbatzen Euro ans Internationale Olympische Komitee gelöhnt. Ach, jetzt kommen Sie doch nicht mit den Repressalien, denen die Menschen und die Journalisten in China und insbesondere am olympischen Staatsschauspielplatz Peking ausgesetzt sind. Haben Sie denn selbst gesehen, wie Berichterstattern die Notizblöcke abgenommen, TV-Teams oder Fotografen verscheucht oder Protestredner abgewiesen und inhaftiert wurden? Also. Und das Internet ist ja auch fast so offen wie versprochen.
Reicht Ihnen alles nicht? Kein Argument gegen das Wegzappen? Schade, habe mir echt Mühe gegeben. Aber wenn ich Sie nicht überzeugen kann, dann gucken Sie doch am Abend statt Olympia eine Komödie auf RTL wie „Lattenkracher – Männer wie wir“, einen Schinken von 2004 über eine schwule Fußball-Mannschaft. Muss man sich mal vorstellen, 2,15 Millionen werberelevante Zuchauer schauen bei einem Thema zu, dass reine Fiktion ist. Oder kennen Sie etwa einen einzigen homosexuellen, deutschen Fußballprofi? Sehen Sie.
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Von FOCUS-Redakteur Christian Witt bei www.focus.de
Was läuft denn da im Wohnzimmer? Interessiert die Deutschen denn Krimi und Komik tatsächlich mehr als die Spiele in Peking? Vielleicht ist es auch ein ethisch-(sport-)politisches Votum.
Meine lieben Sportfreunde, was ist denn mit Euch los? Habe gerade die aktuellen TV-Einschaltquoten studiert. Und was soll ich Euch sagen? – „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, „CSI: NY“, „Das Netz“, „Criminal Intent“, und so weiter und so fort – also, all dieser zum Teil doch sehr seifenoprige oder abgestandene, schon oftmals wiederholte Kram hatte doch tatsächlich mehr Zuschauer am Guckekasten als sämtliche Oly-Sendungen des Tages. Abgeschlagen auf Platz 14 landet das ZDF seinen besten Wert. Ganze 3,61 Millionen schauten bei der Topsendung um 13 Uhr zu, bei „Olympia kompakt“. Das Fatale daran, schlappe 0,99 Millionen waren von 14 bis 49 Jahre alt, also in der ach so wichtigen – wie heißt‘s so schön? – Zielgruppe, der Bring-mir-TV-Werbekunden-und-Bargeld-in-die-(GEZ-)Kasse-Gruppe.
Was das zu bedeuten hat? Wirtschaftlich schwer zu beurteilen. Ganz unökonomisch kann ich nun aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon mal feststellen: Olympia ist nicht Fußball. Ich will Sie ja nicht quälen, liebe öffentlich-rechtliche Intendanten, aber waren das nicht güldene Zeiten im Euro-Märchensommer? Wie sich in schöner Regelmäßigkeit fast 30 Millionen Deutsche vor den Plasma- oder LCD-Wänden versammelten, um mit Jogis wackeren Mannen mitzufiebern. Und selbst die anderen Gruppenspiele ohne DFB-Beteiligung fanden oft ein zweistelliges Millionen-TV-Publikum. Ach ja, das ist schon einen tiefen, lustvollen Seufzer wert...
Wer bockt denn da?
Zurück in die harte Olympia-Realität: Was also kann es bedeuten, dass der Michel und die Micheline verweigern, bocken wie ein störrischer Gaul vorm Hindernis? Hallo, wir haben schließlich schon Gold in zweistelliger Zahl. Silber, Bronze nicht zu knapp dazu. An der sicherlich lästigen Sechs-Stunden-Zeitverschiebung zu Peking kann es ja wohl auch nicht liegen, dass die Quoten so abschmieren. Also was dann, um Himmels willen, was hält euch fern vom Oly-Sehen?
Habt Ihr etwa ein Problem mit der Weltrekordflut im Schwimmbassin? Klar hat Michael Phelps acht Mal Gold geholt und (wie viele andere auch) alle möglichen globalen Bestzeiten pulverisiert. Aber muss er deshalb gleich als schwimmende Apotheke geziehen werden? Haben Sie deshalb schon die Grundsätze der Rechtssprechung vergessen, die Unschuldsvermutung? Ich jedenfalls glaube an die Sauberkeit, bis bewiesen ist, dass da tatsächlich einer drei Dutzend Dopingmittel auf einmal verschluckt, gespritzt oder in die Haut gerieben hat.
Was, Sie halten es auch für unmöglich, ohne verbotenes Multimuskelmastprogramm mit offenem Schuhband die 100 Meter in 9,69 Sekunden zu joggen? Okay, ist nicht ganz einfach. Aber mal im Ernst, dass jetzt so viele Sprintmedaillistas von der Insel Jamaika kommen, kann doch auch an was ganz Anderem liegen als an Wachstumshormonen, Anabolika, Epo, Gen-Doping oder IGF? „Mein Sohn Usain verdankt seine Sprintfähigkeit der Stärke der Trelawny-Kartoffel, die im Nordwesten Jamaikas wächst“, sagt – so oder ähnlich – der Vater von Gold-Bolt. Und der heißt mit Vornamen nicht Witz sondern Wellesley. Und merken Sie sich mal: Wir sind hier nicht bei der Tour de France – auch wenn Sie mit Ihren TV-Quoten hart daran arbeiten, dass es für ARD und ZDF im Ergebnis bald ähnlich aussieht.
Kommen Sie nicht mit Repressalien
Denken Sie immer dran, dass Sie Ihren Gebührenanteil sozusagen „abgucken“ müssen – die Öffis haben schließlich für die TV-Rechte an den Spielen einen riesigen Millionenbatzen Euro ans Internationale Olympische Komitee gelöhnt. Ach, jetzt kommen Sie doch nicht mit den Repressalien, denen die Menschen und die Journalisten in China und insbesondere am olympischen Staatsschauspielplatz Peking ausgesetzt sind. Haben Sie denn selbst gesehen, wie Berichterstattern die Notizblöcke abgenommen, TV-Teams oder Fotografen verscheucht oder Protestredner abgewiesen und inhaftiert wurden? Also. Und das Internet ist ja auch fast so offen wie versprochen.
Reicht Ihnen alles nicht? Kein Argument gegen das Wegzappen? Schade, habe mir echt Mühe gegeben. Aber wenn ich Sie nicht überzeugen kann, dann gucken Sie doch am Abend statt Olympia eine Komödie auf RTL wie „Lattenkracher – Männer wie wir“, einen Schinken von 2004 über eine schwule Fußball-Mannschaft. Muss man sich mal vorstellen, 2,15 Millionen werberelevante Zuchauer schauen bei einem Thema zu, dass reine Fiktion ist. Oder kennen Sie etwa einen einzigen homosexuellen, deutschen Fußballprofi? Sehen Sie.
20.08.2008. 09:22
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